Hagiographie Biorobotica

Act I—III
St. Matthäus-Kirche

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Biorobot X, 2020
from the series: Tschernobyl

Biorobot I, 2020
from the series: Tschernobyl

Nun gut, ich habe genug von den Leuten,
die für eine Idee sterben.
Ich glaube nicht an das Heldentum.
Ich weiß, dass es leicht ist, und ich habe erfahren,
dass es mörderisch ist.
—Albert Camus, Die Pest


Gegen das Heldenepos der Antike, des Altertums, der Legenden genauso wie der Comics mit dem todesmutigen Einzelkämpfer, ob er nun Achill, Siegfried oder Superman heißt, steht die Masse, die unbenannte Menge an Menschen, die im Lauf der Geschichte immer wieder der „größeren Sache“ zum Opfer fallen.

I. Akt:
St. Matthäus-Kirche
9.10.—20.11.2020

Der Reaktorunfall (die menschliche Katastrophe) von Tschernobyl ereignet sich 1986, kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch der Sowjetunion. 1989 wird das Jahr der Wende, der politischen Neuordnung. Drei Jahrzehnte später steht die Welt, wie wir sie kennen, angesichts des Corona-Virus still; sieht sich einer unbekannten Gefahr gegenüber. Der Staat reagiert mit geballter Macht, zwischen Verbot und Vorsicht, Eingrenzung und Schutz. In Albert Camus’ „Die Pest“ von 1947 sucht eine Seuche eine ganze Stadt heim. Liest man den Text heute, so kann man sich einem Vergleich mit der unmittelbaren Gegenwart kaum entziehen. In der Erzählung von Camus stechen Einzelne – der Arzt, der Journalist – aus der Masse der Ohnmacht, des Absurden und Sinnlosen aber heraus und halten dagegen. Auch gegenwärtig sind es die „kleinen“ Teilhaberinnen und Teilhaber der Gesellschaft – Ärztinnen, Pfleger, genauso wie Lebensmittelverkäuferinnen und Paketboten und viele mehr – die das System erhalten, um nicht retten zu sagen.

I. Akt:
St. Matthäus-Kirche
9.10.—20.11.2020

„Der Held“ aber ist ein Mythos.

Als der Super-GAU in Tschernobyl passiert, befiehlt die sowjetische Staatsobrigkeit Tausende, Männer und Frauen, zum Reaktor und nennt sie emotionsfrei „Liquidatoren“, zu Deutsch in etwa „Abwickler“. Eine andere, internationale Bezeichnung lautet „Biorobots“. Denn Maschinen, die zuerst eingesetzt werden, überstehen Hitze und Strahlung im Gebiet nicht. Also schickt man Menschen hinein; in Schutzausrüstungen, die wie aus fantastischen Science Fiction Szenen herausgeschnitten anmuten. In ihren Uniformen überleben die Biorobots – Mensch gewordene Maschinen oder eher Maschine gewordene Menschen – die klimatischen Ausnahmebedingungen, wenngleich sie sich nur sekundenlang im Gebiet aufhalten können. Hunderttausende sterben an den Folgen. Das unschöne Sterben scheint im offiziellen Staatsbild allerdings kaum auf. Dort herrschen weiter stählerne Heldenfiguren im Zeichen des Staates vor.

I.Akt:
St. Matthäus-Kirche
9.10.—20.11.2020

„Der Held“ existiert in Bildern,
nicht in der Realität.

Im Werkzyklus „Biorobots“, 2020, geht der Künstler Andreas Mühe dem fragwürdigen Narrativ des Heldentums nach. Mühe holt die namenlosen Männer von Tschernobyl vor die Linse, indem er sie in originalgetreuen Kostümen nachstellt. Er zeigt seinen Protagonisten in Großaufnahme, lässt ihn Haltungen einnehmen, die gewöhnlich den Helden der Geschichte vorbehalten sind. Nur sein Gesicht ist schwarz verhüllt – sein Schicksal wurde schließlich von der Obrigkeit bewusst vergessen und verschwiegen. Zu viele Gesichter teilen das gleiche anonyme Schicksal. In manchen
Aufnahmen ist der Körper gebrochen. Er kann die heldenhaften Posen, die der sowjetischen (beziehungsweise in jedem anderen autoritären System gleichen) Bildpropaganda entnommen sind, vor Erschöpfung nicht mehr halten. Manchmal ist zudem ein samtig-weicher, ausladender Stoff zu sehen, der mal wie eine sowjetische Siegerflagge die Figur zu umschlingen – oder erdrücken – droht; mal verlaufen die in tiefen Falten gelegten, schweren, roten Stoffbahnen wie vergossenes Blut durch das Bild oder erinnern an die purpurnen Gewänder von Heiligen.

I. Akt:
St. Matthäus-Kirche
9.10.—20.11.2020

Mühe führt in seinen Arbeiten vor, wie sehr das Ideal vom Helden im Sinne von Staat, Macht und Obrigkeit instrumentalisiert wird – und in welch starkem Kontrast dies zur schonungslosen Wirklichkeit steht. Dies wird am Beispiel von Tschernobyl als eine der größten menschlichen Katastrophen der Nachkriegszeit besonders eindrücklich durchexerziert. Mühe führt den Gedankengang sogar noch weiter und stellt die Sinnfrage nach dem Glauben an Helden überhaupt. Gerade die Tatsache, dass in Corona-Zeiten erneut mit lobenden Worten von Heldinnen und Helden gesprochen wird, mahnt zur Vorsicht. Wie die Camus-Figur sagt: „Ich glaube nicht an das Heldentum.“ Dass Einzelne immer wieder mutig und selbstlos agieren, steht außer Frage – wie die Biorobots von Tschernobyl, genauso, wie viele Menschen gegenwärtig.

II. Akt:
St. Matthäus-Kirche
26.11.2020—3.01.2021

Umso weniger ist weiter einem fiktiven Heldentum zu huldigen. Viel eher gilt es, die Erfahrung einer kollektiven Gruppe abzubilden, die die Geschichtsschreibung vergessen wollte. Anstelle von der Erzählung des singulären starken Mannes, scheint die Gemeinschaft, die im Zusammenhalt ihre Stärke findet, Nächstenliebe und Courage beweist, für die Zukunft eine viel verlässlichere Form.

II. Akt:
St. Matthäus-Kirche
26.11.2020—3.01.2021

Eine Ausstellung in drei Akten
1.Akt: 9.10.—20.11.2020
2.Akt: 26.11.2020—3.01.2021
3.Akt: 7.01.—14.02.2021


Die Ausstellung in der St. Matthäus-Kirche erfolgt in drei Akten, die dem Kirchenjahr angelehnt sind. In der ersten Installation liegen Mühes „Biorobots“ in Leuchtkästen auf – wie Grabmäler in mittelalterlichen Kirchen – zu ihrem Gedenken. In der Kirchenapsis, der zentralen Mitte, hängt an der Stelle des Altarbildes eine Arbeit, die ein leeres, nur mehr vom schweren, samtenen Stoff bedecktes Podest zeigt. Der Biorobot, der auf einem anderen Bild eben noch darauf zu liegen kam, ist verschwunden. Ob er selbst gegangen ist oder weggeschafft, bleibt offen.

Weihnachtsbäume
1982

Um den Totensonntag wird ein Bildwechsel vollzogen: Die Biorobots wandern nun als kleine Bildtafeln an die Wände des Kirchenraums. Aus den Leuchtkästen leuchten „Weihnachtsbäume,“ das christliche Motiv des traditionellen Familienfestes schlechthin. Die Werkgruppe ist eine künstlerische Rekonstruktion der Weihnachtsbäume, die Andreas Mühe von 1979—2016 selbst hatte. Die stetig wechselnde Gestalt und Beschmückung der Tannen bildet den Lauf der Zeit und das Aufrechthalten von familiären Traditionen ungeachtet sich verändernder politischer Systeme (von DDR zu BRD) ab und zeichnet nicht zuletzt auch ein persönliches Porträt des Künstlers. Mit dem warmen Licht der Weihnachtsbäume wird die Adventszeit als Zeit der Stille und Zusammenkunft eingeläutet.

III. Akt:
St. Matthäus-Kirche
7.01.—14.02.2021

Ein dritter Wechsel ist mit „Die Auskehrung“ betitelt und bildet den Abschluss der drei Akte.

Kuratiert von Dr. Kristina Schrei.
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